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bloggen » 03/2008

punktpunktblog

Die Schweden und die Sprachen

Daß die Schweden im Allgemeinen ein gutes Englisch sprechen hatte ich ja schon vor einiger Zeit erwähnt, daß sie, wie auch manche Norweger gelegentlich spontan englische Sätze einstreuen ist auch kein großes Geheimnis. Nebenbei bemerkt bin ich wohl nicht der einzige, der sich darüber Gedanken macht inwiefern der starke englisch-sprachige Einfluß sich (nachteilig) auf die schwedische Sprache auswirken könnte, wie ich diese Woche in Radio Schweden erfuhr.
Es fällt auf, daß viele Schweden für manche Begriffe schlicht, zumindest spontan, keine schwedischen Wörter kennen und deshalb einfach die englischen benutzen. Erstaunlich, daß man dies nicht nur bei beliebigen Schweden, sondern vor allem auch bei universitären Lehrbeauftragten beobachten kann. Dies würde noch wenig überraschen, wenn ich diese Beobachtungen auf Individuen eingrenzen würde, die bevorzugt Google-LinkBeratersprech in Managementvorlesungen praktizieren, doch dem ist nicht so, auch Philosophen und Sprachwissenschaftler fallen regelmäßig schwedische Wörter nicht ein, die englischen Begriffe haben sie aber parat. Man könnte das natürlich damit erklären, daß der wahrscheinlich bei weitem größte Teil wissenschaftlicher Veröffentlichungen in Englisch verfaßt wird, doch oft sind die fehlenden Wörter gar keine so exotischen, so daß sich diese Begründung aus meiner Sicht als nicht sonderlich stichhaltig erweist.

Erschreckender als diese Beobachtung finde ich jedoch, daß die Wikipedia-LinkOrthographie vieler Schweden sowohl in ihrer Muttersprache als auch im Englischen nicht unbedingt durch besondere Güte zu beeindrucken vermag. Im Englischen würde ich dies auf die vorwiegend durch amerikanisches Fernsehen primär Wikipedia-Linkoral geprägte Aneignung der Sprache und des Vokabulars zurückführen. Oft werden es schlicht Flüchtigkeitsfehler sein, trotzdem fragt man sich natürlich woran es liegt, wenn simple Begriffe auf Vorlesungsfolien oder auf ausgeteilten Blättern auch von Sprachlehrern nicht korrekt geschrieben werden.

Mehr jedoch, als dieses Phänomen im alltäglichen englischen Sprachgebrauch der Schweden verwundert jedoch die Tatsache, daß Schweden auch beim Schwedischen selbst oft nicht so genau hinschauen. Doch auch hierfür habe ich eine Erklärung in petto, denn das Schwedische unterscheidet sich meiner bisherigen Wahrnehmung nach, was mir auch von Schweden bestätigt wurde, relativ deutlich im mündlichen Gebrauch von der schriftlichen Fixierung. Viele Wörter werden beim Aussprechen gnadenlos gekürzt, was man zwar auch in anderen Sprachen vorfindet, doch nur selten sind diese "Verstümmelungen der schriftlichen Ausprägungen" Teil der offiziellen Sprache und nicht nur regional tolerierte Sprachvergewaltigungen, auch Dialekte genannt. Auch im englischen Sprachraum ließen sich hier Beispiele finden, doch darum soll es nun garnicht gehen, da aber durch das bereits erwähnte englischsprachige Fernsehen, das nicht synchronisiert sondern grundsätzlich nur untertitelt wird, textuelle Entsprechungen gesprochener Dialoge zum täglich Brot eines jeden Schweden gehören und der Platz für Untertitel auf dem Fernsehschirm begrenzt ist begegnet man regelmäßig in Untertiteln der als Schriftschwedisch getarnten lautmalerischen Umschreibung einer mündlichen Konversation.

Ich behaupte ohne Belege dafür vorbringen zu können, daß das Zusammenspiel der verhältnismäßig großen Differenz zwischen geschriebener und gesprochener Sprache mit dem "Untertitelschriftschwedisch" dazu beiträgt, daß Schweden auch ihre eigene Schriftsprache zunehmend "oralisieren", was auf längere Sicht zwar wieder zu einer Annäherung dieser beiden Ausformungen derselben Sprache führen könnte, momentan jedoch vor allem zur Verwirrung Schwedischlernender beiträgt.

Das ist zwar für mich nicht weiter dramatisch, man "gets schließlich used to it", trotzdem wäre es einmal interessant diese Beobachtung näher zu untersuchen, schließlich geht es um die Zukunft einer Sprache. Bevor ich mich jedoch in eine schwedische Literaturrecherche stürze, lasse ich diese These erst einmal relativ frei schwebend im Raum stehen, habe jedoch auch weiterhin ein Auge - oder auch Ohr - darauf.

Stockholm .. linken .. kommentieren (0) .. von Götz Bürkle am 22.03.2008 um 01:31:23 Uhr



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