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Einträge in 02/2008

Attacking ships is bad

Richard StallmanEs begab sich aber zu der Zeit, als Götz - das bin ja ich - fleißiger Student an der Könglich Technischen Hochschule zu Stockholm war. An einem windigen Spätwinterabend wand sich eine kleine Menschenmasse wirrer Freaks über den Campus, um noch wirreren Worten eines wagemutigen und ebenso wirren Freiheitsfanatikers zu lauschen. Jener stereotyp bärtige Zeitgenosse ward Wikipedia-LinkRichard Stallman genannt und scheint wenig sinnvolleres zu tun haben als der weiten Welt seine gutgemeinten Gedanken angedeihen zu lassen. Nach einigen einleitenden Worten der nachgeholt zelebrierten Hutübergabe verging ein Weilchen, bis mir schließlich der Hut hochging.

Doch zu Beginn des Spectaculums erläuterte St. IGNUcius of the Church of Emacs, wie er sich später noch genannt haben wird, verschiedene Freiheitsgrade des Softwaremenschen und versuchte sein Anliegen an weit oder weiter hergeholt konstruierten Exempeln zu statuieren. Wem eine wortgetreuere und detailliere Transkription des Gesagten am Herzen liegen sollte möge sich Free Software and Beyond: Human Rights in the Use of Software and Other Published Works by Richard Stallman, Gothenburg, Sweden, 2007-05-16 zu Gemüte führen, was inhaltlich größtenteils mit jenem übereinstimmt, was auch zu Stockholm vorgetragen wurde. Die Lektüre dieser Transkription entzaubert natürlich den virtuosen Redekünstler zu einem gewissen Grad, denn viele Passagen scheinen wortwörtlich identisch zu sein, aber das will ich ihm nicht zu sehr verübeln, er kann ja nicht jedesmal, wenn er irgendwo seine wirren Thesen unters Volk bringen will sich völlig neuen Quark ausdenken. Zack-zack, zurück zum Wesentlichen. Seine Exempel passen nicht unbedingt zur Lebenserfahrung der meisten Menschen, doch das müssen sie auch nicht, der gemeine Mensch hat seinen Namen sowieso noch nie gehört und würde auch niemals auf die Idee kommen sich einen Vortrag dieses Wilden anzuhören. Das Publikum war auch dementsprechend kaum weniger verfreakt als der Oberfreak selbst, weswegen er für seine wirren Ausführungen durchaus des öfteren, manchmal sogar auch aus meiner Sicht berechtigten, Applaus erntete. Daß der Begriff "Piracy", Piraterei, der für diverse Verstöße gegen das Urheberrecht heutzutage gern benutzt wird, an sich ein seltsamer Begriff für eben jene Vergehen ist, ist einleuchtend. Was hat das auch bitteschön damit zu tun, ein Schiff anzugreifen? Und natürlich: "Attacking a ship is very bad." Das hat mir noch ganz gut gefallen, doch was bald darauf folgte hat den Redner in meiner Gunst nicht unbedingt steigen lassen. Man könnte auch passenderweise nun sagen, er sei in wiegenden Wogen untergegangen, doch dazu muß ich ein wenig weiter ausholen. Er konstruierte ein moralisches Dilemma: Ein Freund ist bei mir zu Besuch und sieht ein Programm bei mir, das im gefällt. Der gemeine Mensch fragt sich, was einen Freund an einem Programm interessiert, aber gut, was macht man nun also. Zwei Handlungsalternativen eröffnen sich dem Freak: Man könnte dem Freund mitteilen, daß man aus lizenzrechtlichen Gründen leider nicht in der Lage ist ihm das prächtige Progrämmchen zu geben, was natürlich den Freund unendlich traurig stimmen würde. Man könnte aber auch auf eventuelle Lizenzen pfeifen und dem Freund einen Gefallen tun. Der wahre Freak würde vielleicht noch die alternative erwägen den Freund einfach aufzufressen, aber soweit wollen wir hier nicht gehen.

Dies alles ist bis hierhin noch kaum verwerflich. Es folgen weitere Ausführungen darüber, warum Wikipedia-LinkFree Software überlebenswichtig ist und wie es denn dazu kam, daß unser Oberfreak begann sich an die Arbeit zu machen. In diesem Zusammenhang nun kam das Beispiel, an dem ich mich störte. Er zog eine Analogie von seiner Situation zu der eines Ertrinkenden. Man könnte helfen, man ist auch tatsächlich dazu in der Lage, warum sollte man es also nicht tun? Er hat das Problem gesehen, daß unfreie Software das Ende der Welt bedeutet, und er ist Freak genug ein eigenes freies Betriebssystem zu schreiben, um allen Menschen freien Zugang zu seinem Gefrickel zu ermöglichen. Auch soweit könnte man noch mitgehen, doch wenn er nun mit einem breiten Grinsen, das sogleich von tosendem Applaus untermalt wird, ergänzt, daß man in dieser Situation ja jedem helfen würde, außer vielleicht Bush - und noch einigen anderen seiner Schergen - dann finde ich das nicht nur einen schlechten Scherz, sondern moralisch verwerflich. Drückt er, der die Freiheit über alles stellt, Freiheit! Freiheit!, drückt er damit doch seine Verachtung für menschliches Leben aus. Wer Freiheit predigt, sollte Menschen auch die Freiheit lassen andere Ansichten zu haben und anders zu handeln, ohne ihnen die Freiheit zu Leben abzusprechen. Ein Mensch der vor so vielen anderen Menschen spricht, und dessen wirre Ausführungen wohl auch bei einigen durchaus Beachtung finden, der sollte derartige Äußerungen nicht machen. Doch zeigt er an dieser Stelle womöglich sein wahres Gesicht. Da kann er noch so viel von der Freiheit reden, und wie ethisch ehrbar seine durch und durch freiheitlichen Motive seien, wer mit so einem menschenverachtenden Exempel Applaus ernten will, der kann doch unmöglich ein moralisches Vorbild sein.

Jedoch bin ich nicht nur durch diese Äußerung zu dem Schluß gekommen die ethischen Qualitäten des Redners zu hinterfragen. Im Zusammenhang mit dem Namen Wikipedia-LinkGNU kam er natürlich auch auf GNU/Wikipedia-LinkLinux zu sprechen. Seine Ausführungen zu "GNU's not Unix", dem Sinn und Zweck Wikipedia-Linkrekursiver Akronyme und wie er schließlich ausgerechnet auf "gnu" kam waren ohne Frage interessant und unterhaltsam. Die Tatsache, daß "gnu" in der englischen Sprache wie "new" ausgeprochen wird und sowieso eines der witzigsten Wörter überhaupt sein soll war mir neu. Daß man mit rekursiven Akronymen immer auch noch auf denjenigen verweist, den man portiert oder von dem man abgeschaut hat war mir auch nie bewußt, aber das fand ich doch ganz nett. Daß Programmierer wohl die einzigen Menschen sind, die wirklich Spaß mit rekursiven Akronymen haben können tut dem ja keinen Abbruch, solange wenigstens sie sich daran erfreuen reicht es ja auch. Doch nach diversen Wortspielen schritt der Oberfreak behenden Schrittes zum nächsten Thema auf seiner Agenda. Ich würde es mit "heulen" überschreiben.

So begann er doch sich zu echauffieren daß das, was alle Linux nennen eigentlich GNU sei. Und überhaupt. Der komische damalige Student Wikipedia-LinkLinus Torvalds, der, hier zitiere ich weil es so gut paßt nicht den Oberfreak, sondern eine andere Wurst, "aussieht wie ein überfressesner IBM Manager", der hat ja nur den winzigen Teil des Wikipedia-LinkLinux-Kernels beigesteuert, der zudem ganz am Anfang noch nicht einmal frei war! Es machte ein wenig den Eindruck, als sei der Oberfreak Wikipedia-Linkbeleidigt, weil sein lustiges rekursives Akronym wohl allgemein nicht so gut ankam, wie die Bezeichnung Linux. Das wäre noch nur eine amüsante Einlage gewesen, doch daß er Torvalds abspricht ein (moralisches) Vorbild zu sein, weil dieser, wenn er von Wikipedia-LinkOpen Source spricht, nicht die Freiheit ins Zentrum stellt, sondern Argumente wie Qualität und seine Motivation nicht auf einer extremen Freiheitsideologie basiert sondern auf Spaß und der Möglichkeit zu lernen. Wenigstens gab er zu, daß auch Torvalds Gründe für sein Engagement nicht schlecht seien, aber eben doch auch nicht so richtig gut - zumindest nicht so gut, wie seine eigenen. Überhaupt sei "Open Source" ein unmöglicher Begriff, der nur von Schurken benutzt wird, die nicht für Freiheit einstehen wollen.

Richard StallmanDes Redners Ausführungen zu "Wikipedia-LinkDigital Restrictions Management" waren dagegen wieder nachvollziehbarer. Ebenso seine berechtigte Kritik, daß große Softwarekonzerne Schüler und Studenten "anfixten", indem sie diesen "kostenlose" Software zur Verfügung stellen würden, wodurch diese dazu verleitet würden später, wenn sie einmal arbeiteten, natürlich die Software anzuschaffen, die sie bereits benutzten und kennten. Sein Plädoyer in Bildungseinrichtungen grundsätzlich freie Software einzusetzen verdient somit auch meine Unterstützung, wobei ich nicht soweit gehen will, daß man nur freie Software einsetzen sollte, doch sollte diese zumindest hauptsächlich eingesetzt werden.


Neben diesen beiden auch meiner Ansicht nach positiven Punkten gab es jedoch ebenso weitere, die weniger klar waren. Da kam die Frage auf, was unser Oberfreak denn zum Thema Wikipedia-LinkBIOS zu sagen hätte. Natürlich sei es nicht gut, daß die meisten BIOS heutzutage immer noch proprietär seien, aber da würde sich ja zur Zeit etwas tun. Und überhaupt, so schlimm sei das beim BIOS ja auch nicht, freie BIOS-Alternativen liefen noch nicht auf Laptops, nur der Wikipedia-LinkOLPC würde mit einem funktionieren, weswegen er natürlich am liebsten so einen hätte. Damit konnte er bei den meisten Anwesenden natürlich wieder punkten, doch ich fand diese Antwort nicht ganz befriedigend. Als es um Mobiltelefone ging, wurde es noch spannender. Er selbst habe keines, weil er ja potentiell die ganze Zeit damit überwacht werden könnte, er habe ja an sich keine Möglichkeit eine Ortung zu verhindern. Natürlich deswegen, weil keine freie Software darauf läuft. In diesem Zusammenhang durfte Wikipedia-LinkOpenMoko natürlich nicht unerwähnt bleiben. So ein Mobiltelefon würde er sich vielleicht sogar anschaffen. Was mich in seinen Ausführungen jedoch irritiert hat, und was sich meiner Ansicht nach nicht mit seinem sonstigen Freiheitsprinzip verträgt, war eine Begründung, warum es auf Mobiltelefonen in Ordnung ist oder zumindest war, daß man nur proprietäre Software dafür hatte: Man hat ja sowieso nichts installieren oder verändern können. Warum wird unfreie Software dadurch besser, daß man die Freiheit des Benutzers zusätzlich einschränkt und ihn nicht einmal kleinere Anpassungen vornehmen läßt? Diese Unterscheidung zwischen guter proprietärer Software und böser proprietärer Software erscheint für mich völlig wirr und inkonsequent. Für die Freiheit macht es doch an sich keinen Unterschied, ob es um einen Toaster oder einen Laptop geht.
Und überhaupt: Müßte streng genommen nicht nur Software, sondern alles frei sein?

Richard StallmanIch sehe auch noch nicht so ganz, was an proprietärer Software generell schlecht sein soll. Die meisten Benutzer wollen doch weder wissen, wie irgendein Programm genau funktioniert, geschweige denn etwas daran verändern. Sie wollen, daß das Programm zuverlässig funktioniert und einfach benutzbar ist. Und genau das sind die Punkte, die bei vielen freien Softwareprojekten eher stiefmütterlich behandelt werden. Inzwischen ist es zwar durchaus jedem, der ein Windows installiert bekommt wohl auch möglich ein Linux installiert zu bekommen, doch kann man nur schwer leugnen, daß trotz allem Linux nach wie vor ein Frickelsystem ist. Entweder gibt es für diverse Einstellungen keine Benutzeroberflächen, die über Emacs hinausreichen, oder aber man muß um einzelne Komponenten zum Funktionieren zu überreden erst irgendwelche seltsamen Programme installieren, Kernel kompilieren, oder was auch immer für Sachen machen, die ein gewöhnlicher Benutzer nicht zu tun pflegt. Was ist also schlecht daran, wenn ich die Freiheit habe einfach mit dem Obsthändler um die Ecke ein Tauschgeschäft zu vereinbaren und dafür zwar nicht alles weiß, aber glücklicherweise auch nicht alles wissen muß, weil ich meinen Apfel auch ohne komplizierte Werkzeuge essen kann?


Nun, zusammenfassend stelle ich fest, daß der Redner mitunter interessante Themen treffend angesprochen hat, sich in anderen Bereichen jedoch in wirren Weisheiten verlor. Ich will seine Verdienste und seinen Einsatz nicht kleinreden, ich selbst nutze wahrscheinlich täglich Anwendungen, die auf ihn zurückgehen, doch eines ist es mit Sicherheit nicht: ein moralisches Vorbild. Er ist ein Freiheitsfreak, der mitunter von seiner eigenen Freiheitsideologie geblendet mit menschenverachtenden Anspielungen und herablassenden Bemerkungen versucht seine eigene Position auf Kosten anderer zu stärken. Solches Verhalten ist in meinen Augen alles andere, als vorbildhaft.

Stockholm .. linken .. kommentieren (0) .. von Götz Bürkle am 29.02.2008 um 02:19:52 Uhr

123-Stöckchen ... mal wieder eins.

Daniel hat mir ein Stöckchen zugeworfen, dem ich mich zugleich einmal kurz angenommen habe.

Ich hätte einige Bücher in greifbarer Nähe, die ich zur Zeit lese oder schon gelesen habe. Sei es
Orality and Literacy (New Accents) von Wikipedia-LinkWalter J. Ong, Multiprojektledning: skapa puls i produktutveckling med lean tänkande von Ulla Sebestyén, die nebenbei bemerkt hier auch schon eine Gastvorlesung gehalten hat, Projektledning och projektkompetens von Jonas Söderlund oder The Design of Everyday Things von Donald A. Norman das gerade brach jedoch liegt, weil das Studium genug anderes zu beackern gebietet.

Doch die letzten Tage habe ich meistens damit gebracht für den Kurs "Kommunikation und Medien" das Buch Media and Modernity: A Social Theory of the Media von Soziologieprofessor John B. Thompson zu lesen. Wie alle anderen oben bereits erwähnten Werke lesenswert. Sich zu den einzelnen Büchern auszulassen böte genug Stoff für eigene Einträge, weswegen ich hier nur kurz etwas zu diesem einen schreiben möchte. Als Mensch ist man ständig von Medien umgeben, oft selbst werden sie einem, selbst wenn man garnicht aktiv nach ihnen sucht zugetragen. Irgendwo bekommt man, zumindest in Stockholm, immer eine Zeitung in die Hand gedrückt, oder es läut ein Radio, ein Fernseher, oder man schaut dem Nachbar in seine BILD ... also Medien sind ein Thema, dem wir uns kaum entziehen können. John. B. Thompson macht sich nun Gedanken zu den Medien und wie der technische Fortschritt sich auf die Fortentwicklung der Medien auswirkte und wie die Medien wiederum die Gesellschaft beeinflussen. Ich fand das Buch sehr interessant, auch wenn ich ihm im letzten Kapitel nicht mehr unbedingt Recht geben will, aber das Buch enthält viel Interessantes und Wissenswertes, weswegen ich es eigentlich nur jedem empfehlen kann.

Auf Seite 123 im Kapitel 4 "Transformation of Visibility" unter der Überschrift "The Public and the Private" schreibt er ab dem fünften Satz Folgendes:
"According to this sense, 'public' means 'open' or 'available to the public. What is public, in this sense, is what is visible or observable, what is performed in front of spectators, what is open for all or many to see or hear or hear about. What is private, by contrast, is what is hidden from view, what is said or done in privacy or secrecy or among a restricted circle of people."

Weder überraschend noch weltbewegend, trotzdem ist das Buch lesenswert.


Nun noch die Anleitung:

  • nimm das nächste Buch in deiner Nähe mit mindestens 123 Seiten,
  • schlage es auf Seite 123 auf,
  • suche den fünften Satz auf der Seite,
  • poste die nächsten drei Sätze.

Danach dann das Stöckchen irgendwohin werfen.

Ich werfe es mal weiter an Jeena, bei dem ich mal gespannt bin, was er denn im Moment so liest, Dirk, der zwar Stöckchen hartnäckig ignoriert, aber man kann es ja trotzdem immer mal wieder versuchen, und Wolfgang, der bestimmt auch was Interessantes zu lesen in der Nähe hat. Ach, und distributed Blogger Tim bekommt es auch noch.

Stockholm .. linken .. kommentieren (3) .. von Götz Bürkle am 13.02.2008 um 00:13:20 Uhr

Top Fives: Gründe nach Skandinavien auszuwandern

Gestern hatte ich nach einem Gespräch mit Dirk die Idee doch mal eine "richtige Top Fives Liste" zu schreiben.

Also hab ich mich heute des nachts mal drangesetzt und bin auf allerlei gestoßen, was mich zum Teil auch selbst überrascht hat.

Aber lest selbst: Gründe nach Skandinavien auszuwandern - nicht, daß ich konkrete Pläne hätte, aber es ist nicht verkehrt sich einmal in der neuen Umgebung umzuschauen ...

Stockholm .. linken .. kommentieren (0) .. von Götz Bürkle am 09.02.2008 um 19:08:41 Uhr




zuletzt geändert von Götz Bürkle am 28.01.2009 ..

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