bloggen » 01/2008
punktpunktblog
28.12.2007 Stille Aussicht, ein blonder Engel und Musik
Ich kam heute morgen erst später raus, als ich geplant hatte. Der Wille früher aufzustehn fehlte einfach, denn wach war ich Dank weckendem Mobiltelefon ja, aber wenn es auch um neun noch dunkel ist und erst nach zehn langsam ein Zustand, den man als "hell" beschreiben kann erreicht wird bleibt man eben gern noch ein bißchen liegen.
Endlich eine Dusche. Ein wahrer Genuß. Nachdem ich mich also des Wassers erfreut hatte verließ ich gegen halb elf oder elf das Hostel. Schnurstracks bin ich zur "Tourist Information", um von der Dame zu erfahren, daß man in diesen Tagen in Narvik wohl garnichts machen kann. Museen geschlossen, keine Bootsfahrten, nichts. Vielleicht war es doch keine so clevere Entscheidung nur weil der Wirt meinte, heute würde das Nachtleben in seinem Pub pulsieren, noch einen Tag in Narvik zu diesem Preis anzuhängen, aber nun war es auch schon zu spät, ansonsten hätte ich ja das Zimmer bis elf geräumt haben sollen. So eng würden sie das vielleicht nicht sehen, aber ich hatte mich entschieden und deswegen fragte ich weiter, was es denn zu sehen gäbe. Schließlich riet sie mir, ich könnte zu einem Aussichtspunkt laufen. Sie zeigte mir auf der Karte den Weg, und ich ging los.
Diese Karte ist wohl das unbrauchbarste Kartenwerk, das jemals gedruckt wurde. Da über Nacht keine Straßennamen aufgehängt wurden verlief ich mich natürlich einmal, und das auch noch auf einem steilen Weg - das nahezu sämtliche Wege vereist und mehr oder eher minder gestreut waren versteht sich von selbst. Nach einem weiteren halsbrecherischen Marsch war ich schließlich am Aussichtspunkt angelangt. Nicht ohne davor noch von einem dicken Scania auf einer engen vereisten Straße überholt worden zu sein. Ich hoffte nur, daß er mir nicht gleich wieder entgegenkommen würde. Ihn traf ich dann auch oben am Aussichtspunkt wieder, er lud ein Gerät auf, das er dann wieder nach unten fuhr.
Es war windig dort oben über Narvik. Der Himmel war wolkenverhangen, teils sehr dunkle Wolken, aber die Aussicht auf die Berge und das Wasser war trotzdem einen Blick wert. Ich hoffte ja auf einen schönen Himmel, weswegen ich beschloß rund eine halbe Stunde, von kurz vor zwölf bis kurz nach zwölf, dort oben zu verharren. Es gab neben der Aussicht auch noch einen zugefrorenen kleinen Stausee zu besichtigen. Trotzdem wurde es mit der Zeit zugig und kühl, aber ich war ja an sich warm genug eingepackt, so daß es kaum wirklich kalt, sondern mehr unangenehm war. Der Himmel enttäuschte mich jedoch. Über wenige blaßrosa Färbungen kam er nicht hinaus. An einer Stelle waren die Wolken zeitweise glühend gelb gefärbt, nicht schlecht, aber doch kein Vergleich zu Kiruna am Tag zuvor. Schade, aber die Aussicht war den Aufstieg trotzdem wert. Und, nicht nur hier, es war oft still in Narvik. Angenehm still. Wie auch schon in Kiruna an der Kirche. Nur hier oben in Narvik zog der Wind stärker.
Der Abstieg gestaltete sich zwar einfacher, als der Weg nach oben, doch ich bin glaube ich an noch keinem Tag so oft beinahe gestürzt wie heute. Hingefallen bin ich nie, aber ich hab zigmal wild mit meinen Armen gewedelt, um mich noch irgendwie abzufangen. Doch ich habe beobachtet, daß ich nicht der einzige bin, der hier läuft wie auf Eiern, immerhin ein kleiner Trost.
Unten angekommen bin ich kurz durch das "Narvik Storsenter" gelaufen, um zu sehen, was es denn dort so an Läden gibt. Nichts Besonderes oder Außergewöhnliches, ein kleines Einkaufszentrum eben. Danach dann bei der Tourist Information noch den Prospekt von "Nordland" mitgenommen, den ich zuvor liegen ließ, weil ich ihn nicht mit zum Aussichtspunkt hatte schleppen wollen, um direkt gegenüber meiner Schlafstätte dem zweiten große Einkaufszentrum einen Besuch abzustatten. Außerdem wollte ich mich informieren, wie das mit den Bussen genau ist, denn der, den ich nehmen wollte fährt an diesem Zentrum ab.
Nun ist es kurz vor halb vier, ich schreibe, und es ist bereits stockdunkel. So ist das hier. Ich kann nur hoffen, daß der Abend das hält, was der junge Wirt verspricht - wer will nicht das Nachtleben Narviks kennenlernen?
Aber bevor es losgeht, ich weiß ja nichtmal genau wann, werde ich noch fröhlich Musik hören, Bilder sortieren, etwas zu essen machen und vielleicht auch noch ein paar Seiten lesen. Ich hab mir nämlich vorher im Supermarkt eine kleine Pizza und ein Knoblauchbaguette zum Aufbacken gekauft, dann muß ich heute abend nicht auswärts essen gehen. Morgen wieder.
...
Nachdem ich doch tatsächlich nahezu alle meine bisherigen Bilder sortiert hatte während ich mir auch noch die meistgespeiste norwegische Pizza im Backofen gemacht hatte, was parallel nicht unbedingt die beste Idee war, aber es endete nicht allzu dunkel, jedoch mehr als nur durch, machte ich mich langsam auf den Weg nach außen. Da ich nicht wußte, wann die große Sause denn steigen sollte ging ich einfach mal gegen acht rüber und traf auch gleich auf Frank, den jungen Wirt, dessen Namen ich inzwischen weiß. Ich fragte, wann es denn beginnen würde - er meinte wohl, wann er den Pub öffnen würde, ich meinte an sich, ab wann die Live-Musik von Torbjørn Dåbach gespielt werden sollte - worauf er meinte "eigentlich jetzt". Nun gut, also folgt ich ihm in den Pub, in dem zu dem Zeitpunkt noch ein Weihnachtsdinner abgehalten wurde. Macht ja nichts, ich kann ja so unauffällig irgendwo herumsitzen, daß ich quasi nichtmal da bin.
So wartete ich also im Pub, in dem außer mir und einer kleinen Gesellschaft außer dem Wirt und seinem Gehilfen keine Menschenseele anwesend war. So ist das eben manchmal. Irgendwann betrat dann ein weiterer Mensch die Bühne - es war eines der
Barmädchen, um nicht zu sagen das Barmädchen. Vereinzelt kamen Gäste, gingen wieder, auch die Gesellschaft räumte das Feld. Schließlich machte sich auch der Wirt vom Acker, nachdem er davor noch seinen Gehilfen hatte ziehen lassen. Der aufmerksame Leser hat mitgezählt und weiß, daß sich nun nach
Adam Riese sage und schreibe nicht mehr als zwei Personen im Pub befanden. Daran sollte sich für eine ganze Weile auch nichts mehr ändern.
Ich war schon rund eine Stunde insgesamt allein und stumm an meinem Tisch gesessen, als ich mich schließlich dazu entschloß den Abend mit einem gepflegten Glas Weißwein anklingen zu lassen. Also stand ich auf, ich hatte mir vorab schon überlegt, was ich - auf schwedisch - denn sagen sollte, um zu bestellen. Als ich dann leibhaftig vor dem holden Wesen, deren Namen ich leider nicht zu schreiben weiß, weswegen wir sie an dieser Stelle am besten treffend den "blonden Engel von Narvik" nennen, stand hatte, waren meine Schwedischkenntnisse wie verflogen und nahezu automatisch begann ich meine Bestellung auf Englisch.
Es sollte sich herausstellen, daß dies dem Gesprächsverlauf nicht geschadet hat. Ich weiß nicht mehr genau, wie es begann, vermutlich fragte sie mich, woher ich denn käme oder sowas - was man Fremde im Pub eben so fragen kann. Daraus entstand ein überaus anregendes und interessantes Gespräch über das Leben, die Arbeit, das Studium, die Zukunft, und so weiter. Nach meinem eher ruhigen und schweigsamen Tag war mir dies eine willkommene Abwechslung, noch dazu mit dem wahrscheinlich besten Gesprächspartner, den das Städtchen mir zu bieten hatte - zumindest kann ich mir das ja so einbilden, das Gegenteil kann mir ohnehin keiner beweisen.
Stundenlang war eher wenig los im Pub. Es kamen einige Gäste, aber es blieb überschaubar. Um halb eins, wiedereinmal, öffneten sich die Schleusen und die Massen begannen zu strömen, nachdem Torbjørn schon ein wenig früher angefangen hatte zu spielen. Er coverte alles Mögliche und machte seine Sache wirklich gut. Er sei bekannt in der Stadt, wurde mir gesagt. Er spiele oft. Ich war zufrieden und lauschte seinen Liedern.
Nach dem ersten Lied fragte er, wohl aus reinem Interesse, zum einen weil ich einer der wenigen Zuhörer, zum anderen weil ich wahrscheinlich das einzige unbekannte Gesicht war, woher ich denn kommen würde. Am Ende sagte er dann noch einen deutschen Satz, er verabschiedete sich sogar persönlich von mir. Ein netter und umgänglicher Geselle, der Torbjørn.
Ich beschloß, da ich sowieso nichts anderes zu tun hatte, einfach bis zum Ende sitzen zu bleiben. Zur Zeit des allgemeinen Aufbruchs, so gegen halb drei, meinte noch ein junger Norweger sein Deutsch an mir ausprobieren zu müssen. Halb so schlimm, nur verstand ich sein Norwegisch unterm Strich besser als sein Deutsch. Davon abgesehen kann ich mir auch spannendere Dialoge vorstellen, siehe oben, als solche die damit beginnen mitten in der Nacht von einem wildfremden Volltrunkenen als dick bezeichnet zu werden. Aber das "Gespräch" war relativ schnell zu Ende, nachdem er noch ein paar weitere Sätze auf Deutsch und Englisch losgeworden war, die auch nicht wesentlich interessanter waren.
Gegen drei wurde dann die restliche Meute aus dem Pub vertrieben und ich ging, nachdem ich mir noch kurz die Füße ein wenig vertreten hatte in mein Zimmer, Rom 1, das ja nur etwa 20m Luftlinie vom Pub entfernt lag.
Stockholm .. linken .. kommentieren (0) .. von Götz Bürkle am 03.01.2008 um 23:04:48 Uhr
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