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punktpunktblog
Die Jugend, das Schulsystem und überhaupt
Wir sind Zukunft - Jugend 2006
Letzte Woche sendete das ZDF in der Nacht von Donnerstag auf Freitag zwischen null und drei Uhr morgens
Wir sind Zukunft - Jugend 2006, dabei ging es um die
Jugend, natürlich, Hintergrund der Sendung war die Shell Jugendstudie 2006.
Die Sendezeit war nicht ganz optimal gewählt, was offensichtlich jedoch auch die Moderatoren nicht so gut fanden. So haben die Sendung vermutlich nicht so extrem viele Leute gesehen. Auch ich hab es mir überlegt, obwohl ich eher ein Nachtmensch bin, ab zwölf drei Stunden fernzusehen und dabei auch noch aufzupassen, weil es ja nicht nur Berieselung sondern auch Diskussionen sind, denen man, wenn man sich das anschaut, gern folgen will ist etwas, was mit Sicherheit einige, die interessiert waren, abgehalten hat. Eine Wiederholung am Samstagmorgen, die nicht genauso "beworben" wird wie die eigentliche Ausstrahlungszeit bringt da nur wenig.
Doch nun zur Sendung. Moderiert haben
Charlotte Roche, die irgendwie aussah wie ein kleines Mädchen und
Gert Scobel und ich fand, die beiden haben ihre Sache gut gemacht.
Die Sendung war in mehrere mehr oder weniger in sich abgeschlossene Abschnitte gegliedert, zu jedem Thema gab es erst einen Filmbeitrag und dann eine Gesprächsrunde, wobei diese Gesprächsrunde genauer gesagt zwei Gesprächsrunden waren. Eine, an der vorwiegend Wissenschaftler teilnahmen wurde von Herrn Scobel moderiert und die andere an der hauptsächlich Musiker, Künstler, Unternehmer und "Leute, wie Du und ich" teilnahmen moderierte Charlotte Roche. Einige Gesprächspartner wechselten dabei von Runde zu Runde, andere waren so gut wie immer mit von der Partie.
Mangels einer Auflistung der Gesprächspartner, zumindest habe ich keine gefunden, kann ich nur noch ein paar auszugsweise nennen, da waren beispeilsweise
Klaus Hurrelmann, Leiter der Shell Jugendstudie,
Ronald Hitzler, Karl-Heinz Haase von der Kreuzberger Musikalischen Aktion e.V., einzelne Mitglieder der Band
Culcha Candela, die Unternehmer von kazik, der Sänger
Muhabbet, jemand von People's Theater und die Band
Silbermond. Eine Gesprächsrunde bestand aus vier jungen Politikern aus verschiedenen Parteien.
In der Sendung wurde viel diskutiert, und ich stimme nicht mit allen geäußerten Ansichten überein, aber ich fand die Diskussionen teilweise sehr interessant.
Relativ am Anfang wurde in einem Nebensatz kurz erwähnt, daß ärmere Jugendliche und solche aus eher tieferen sozialen Schichten häufiger in Fastfood-Restaurants essen. Das hat mich doch gewundert, denn Fastfood-Restaurants sind bekanntlich nicht unbedingt die günstigste (und nebenbei bemerkt auch nicht die gesündeste) Art sich zu ernähren, warum gehen also die häufiger hin, die es sich am wenigsten leisten können?
Das Schulsystem ...
Viel Kritik wurde auch an unserem Schulsystem geübt. Ich bin Anhänger unseres
dreigliedrigen Schulsystems und halte von
Gesamtschulen oder
Ganztagsschulen nicht so viel. Mit dieser Meinung steht man heutzutage leider oft allein da, weil unser Schulsystem ja so unendlich schlecht und undurchlässig ist. Ich selbst war dreizehn Jahre lang selbst Teil dieses Systems und kann die Kritik nicht vollständig nachvollziehen. Natürlich kann man viel verbessern, aber verbessert man die Situation wirklich, wenn man, überspitzt formuliert, "Gleichmacherei" mit Gesamtschulen betreibt? Ich denke nicht. Viele sehen das anders. Es kommt mit Sicherheit stark darauf an, wie man die "Gesamtschule" gestaltet, doch wenn dann nur ein quasi-dreigliedriges Schulsystem mit einem neuen Namen herauskommt kann man sich das Ganze auch sparen und muß nicht auf das bestehende System schimpfen.
Die gleichen Leute, die sich für Gesamtschulen einsetzen setzen sich ebenso für Ganztagsschulen ein. Als Schüler hätte ich nie auf eine Ganztagsschule gehen wollen, über den Fachunterricht hinausgehende Angebote können auch ohne Ganztagsschule in Form von
AGs angeboten werden. Meine Schulzeit liegt nun noch nicht so weit zurück, und ich war begeistert in mehreren solcher AGs (Technik AG, Näh AG, Foto AG, Rechtskunde AG, Planspiel Börse) und finde deshalb, daß dies kein Argument für eine Ganztagsschule ist.
Mein größtes Problem mit diesen Konzepten ist, daß man der Schule Aufgaben auferlegen will, die eigentlich Sache der Eltern sind. Ich sehe keinen Grund, das Problem nicht an der Wurzel, also den Eltern, anzupacken, denn sonst wird sich auf lange Sicht wahrscheinlich nichts bessern. Niemand kann etwas für seine Eltern, aber Eltern sollten meiner bescheidenen Ansicht nach eigentlich bestrebt sein ihr Kind auf seinem (Bildungs-)Weg zu fördern. Ein sinnvollerer Ansatz, als das Schulsystem großflächig zu reformieren wäre etwas für die Elternbildung zu tun, doch solche Angebote würden vermutlich von denen, für die sie primär angeboten würden, nicht wahrgenommen. Wobei ich mich hier gerne eines Besseren belehren lassen würde.
Ich sehe das Problem, und hab als Mensch, der nach der Grundschule ein Gymnasium besucht hat vermutlich gut reden, aber ich finde das System auch nicht so undurchlässig, wie oft gesagt wird. Bei mir in der Klasse gab es sowohl Schüler, die vom Gymnasium auf die Realschule abgingen, als auch welche, die von der Realschule kamen. Die Schule kann die Unterschiede, die durch die Erziehung durch die Eltern gelegt werden nicht völlig ausgleichen. Da kann man zehnmal "Soziale Ungerechtigkeit!" schreien und doch nichts daran ändern, daß Jugendliche, deren Eltern gebildeter und engagiert sind ihre Kinder meist stärker fördern und auch schon bevor diese in die Schule kommen besser auf die Schule vorbereiten als Eltern, die selbst kaum gefördert wurden. Wie man dieses Kernproblem sinnvoll lösen kann weiß ich auch nicht, aber ich bin mir relativ sicher, daß weder Gesamtschule noch Ganztagsschule hier weiterhelfen.
Natürlich wurde auch die Lehrstellenproblematik angesprochen. Es ist traurig, daß es zu wenig Lehrstellen gibt, aber viel trauriger finde ich, daß manche Lehrstellen nicht oder nur mit "unfähigen" Lehrlingen besetzt werden können. Letzte Woche habe ich mich mal kurz mit meiner Vermieterin unterhalten, und sie meinte, als ihr Mann, ein Malermeister, noch ausgebildet hat, sie teilweise vom Arbeitsamt Lehrlinge zugewiesen bekamen, die nicht einmal Korrekturen in ihre Texte einarbeiten konnten. Wenn man die Fehler nicht einmal mehr finden, sondern nur noch korrigieren muß, dann sollte dies eigentlich jedem Menschen, der lesen und schreiben kann möglich sein. Dachte ich zumindest.
Das wirft nun wieder ein schlechtes Licht auf unser Schulsystem im Allgemeinen, primär jedoch auf die
Hauptschulen. In einem Filmbeitrag wurden drei Lehrer eine Zeit lang begleitet (das war allerdings in der Sendung
37 Grad: Mit dem Latein am Ende) und man konnte auch einen (wahrscheinlich nicht allzu repräsentativen) Einblick in einige Unterrichtsstunden bekommen. Wenn ich dort sehe, daß auf Hauptschulen teilweise wenig Fachwissen vermittelt werden kann, weil man den Schülern zuersteinmal grundlegende
soziale Kompetenzen beibringen muß und teilweise auch noch mit Sprachproblemen zu kämpfen hat, dann sind wir wieder bei der Wurzel des Problems, denn dies ist nicht die primäre Aufgabe der Schule sondern der Eltern. Natürlich sollte die Schule ihren Teil dazu beitragen, aber die Grundlagen kann und soll die Schule nicht legen bzw. dann kommt die eigentliche Aufgabe, nämlich die Bildung, die Vermittlung von (Fach-)Wissen zu kurz.
Gegen Ende der Sendung behauptete der Sänger
Muhabbet, daß "keiner hier vor heute abend was von der Shell Studie gehört hat", was mich auch zum Nachdenken oder eher zum Kopfschütteln brachte, denn zumindest die Existenz dieser Studie sollte doch allgemein bekannt sein, schließlich gibt es sie jetzt in der fünfzehnten Auflage.
Politisches
Bei der politischen Gesprächsrunde gab es auch ein paar spannende Punkte, so sprachen sich die Vertreter von
den Grünen und
der Linken für eine Absenkung des Wahlalters auf "mindestens 16" aus. Das finde ich völligen Quark, wissen viele doch auch mit 18 nicht, was sie wählen sollen. Viele Wähler informieren sich nichteinmal über die Programme der zur Wahl stehenden Parteien, eine Absenkung des Wahlalters würde diese Problematik nur verschärfen - und ich sehe dies als Problem, denn wer uninformiert wählt erfüllt meiner Ansicht nach seine Wahlpflicht nur ungenügend, denn bevor man wählt sollte man zumindest wissen, was man warum wählt, und was die Alternativen sind. Eine Absenkung des Wahlalters ist meiner Ansicht nach keine Ernst zu nehmende Forderung. Ich hab nichts gegen Menschen, die unter 18 sind, und es gibt bestimmt welche, die sich auch jetzt schon bevor sie wählen dürfen informieren, aber realistisch betrachtet wären diese zusätzlichen mutmaßlich eher schlecht informierten Wähler kein Gewinn für die Demokratie.
Und wenn ich schon beim Thema Politik bin gehe ich gleich mal weiter zur nächsten mehr oder weniger politischen Gruppierung, die sich bei einer Diskussion zu Wort melden durfte, nämlich Attac. Am Ende der Sendung meinte dieser Vertreter doch tatsächlich noch "schwarzbuchmäßg" gegen Shell hetzen zu müssen. Spätestens danach wußte ich, warum ich diese Gruppierung "gefressen" hab.
Natürlich bezog eben dieser Vertreter auch zur Studiengebührendiskussion Stellung, welche muß ich wohl nicht dazuschreiben. Ich bin Student und werde Studiengebühren bezahlen müssen. Ich finde das nicht toll, aber finde das Geschrei das darum gemacht wird nur lächerlich. Wieviele Studenten geben viel Geld für ihr Vergnügen aus, gehen gleichzeitig aber auf die Barrikaden wenn sie auch ein wenig für ihre Bildung bezahlen sollen? Zugegeben, 500 EUR im Semester sind nicht nichts, gleichzeitig sind es aber auch "nur" unter 90 EUR im Monat. Vielleicht sollten die, die am lautesten schreien mal schauen, wieviel Geld sie, wofür ausgeben und sich danach nochmal überlegen, ob so lautes Geschrei, Demonstrationen und Besetzungen wirklich gerechtfertigt sind. Ich finde nicht.
Das Thema Gewalt
Nun zurück zum eigentlichen Thema, es ging um Jugendliche. Ein Abschnitt der Sendung beschäftigte sich mit der Gewalt unter Jugendlichen. Da wurden dann Initiativen wie People's Theater oder Streitschlichterprogramme angesprochen. Ich sage ja schon immer "Gewalt erzeugt Gegengewalt" und ein Freund pflegte des öfteren zu ergänzen "Gewalt ist die Sprache der Dummen". Ich für mich hab es bis jetzt geschafft ohne irgendwelche ernsten Prügeleien durchs Leben zu kommen und frage mich, warum das für manche so ein großes Problem darstellt. Ich könnte nun die eine oder andere Geschichte von mir dazu erzählen, aber ich finde ich hab für heute genug geschrieben, so daß ich langsam zum Ende kommen will.
Religion, Tradition, oder was?!
Auch das Thema Religion war Thema, primär wurde dabei über den Islam gesprochen. Vieles betraf aber an sich nicht den Islam, sondern eher das Ehrverständnis und die Traditionen, wobei ich nicht weiß, wie genau man hier zwischen Tradition und Religion differenzieren kann, wenn die eine Fraktion sich auf die Religion beruft und die andere alles nur als Tradition, die mit der Religion an sich nichts zu tun habe abtut.
Eine Äußerung am Ende von einem aus der Band
Culcha Candela fand ich völlig daneben, denn er meinte, eine Einheitsreligion wäre die Lösung, weil doch sowieso der Kern bei allen gleich ist und überhaupt und sich nur alle mal zusammensetzen müßten um eine neue Religion zu gründen. Das ist meiner Ansicht nach Unsinn und hier wurde mir klar, daß meiner Meinung nach in der Diskussion ein Christ gefehlt hat, der für den christlichen Glauben Stellung bezieht, denn Moslems waren einige beteiligt, aber es gab keinen einzigen der "als Christ" an den Gesprächsrunden teilgenommen hat.
Ganz zum Schluß meldete sich noch die Band
Silbermond zu Wort, deren Aussagen mir gut gefallen haben. Und als ich mich mal ein wenig über sie informierte las ich, daß sie sich bei
TEN SING kennen gelernt haben. Das muß nichts heißen, trotzdem fand ich es interessant.
Fazit
Für mich hat es sich gelohnt wach zu bleiben, viele Themen und Argumente waren nicht neu, aber ich fand die Diskussionen trotzdem informativ, hab teilweise Neues erfahren und fand es sehr schade, daß die Sendezeit so gewählt wurde, wie sie gewählt wurde, denn die Sendung hatte einen attraktiveren Sendeplatz verdient.
Und jetzt noch die Teile zweihundertundvierzehn, zweihundertundfünfzehn und zweihundertundsechzehn meiner Temperaturserie an der Haltestelle Rheinhafenstraße:
17.09.2006, kurz nach ein Uhr mittags, 20°C
17.09.2006, kurz nach acht Uhr abends, 20°C
19.09.2006, kurz vor dreiviertel ein Uhr nachts, 18°C
Aktuelles .. linken .. kommentieren (2) .. von Götz Bürkle am 25.09.2006 um 02:04:30 Uhr
Meine Gedanken zum Schulsystem
Hi Götz,
hab den Teil über das Schulsystem gelesen und mir in letzter Zeit auch Gedanken zu dem Thema gemacht.
Ich denke, dass man die Kids individuell besser fördern müsste, d.h. dass sich das schlechte Image von Hauptschulen verändern muss ... ein anderer Name und ein neues Konzept.
>> individuelle Förderung und Förderung anderer Qualitäten wie Kreativität und emotionale Intelligenz.
Auch in Gymnasien sollte mehr Wert auf Praktische Dinge gelegt werden, dass die Schüler besser auf das Leben vorbereitet sind ... zu viel Theorie und viel zu verkopft.
Außerdem sollten Eltern gefördert werden:
gesunde Familien >> gesunde Gesellschaft!!
Man muss die Wurzeln anpacken ... hier könnten auch Gemeinden was bewegen und zB Elternkurse anbieten!! Viele Eltern haben keine Ahnung mehr von Erziehung ... und wir haben durch Gott Antworten und Werte, die Sinn machen und Zukunft haben.
Das ist meine Meinung.
Grüße aus der Pfalz,
Annika
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Danke
Krasser Artikel, Götz.
Danke für deine ausführliche Zusammenfassung des Berichts und somit den Hinweis auf die neue Shell-Studie.
Grüße.
.. geschrieben von Depone .. www .. am 25.09.2006 um 09:36:40